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    10.03.2013 - Automobil Revue
    Wraith: der neueu Rolls

    «Leistung ausreichend» wird für den neuen Rolls neu definiert: 632 PS, 800 Nm Drehmoment

    Über Leistung spricht der Gentleman üblicherweise nicht, weil er sie an Bord eines Rolls-Royce im Überfluss abrufen kann. Beim neuesten Gefährt aus Goodwood, das am Salon in Genf Premiere feiert, lässt sich das Thema aber nicht stillschweigen. Denn mit 632 PS (465 kW) und ein Drehmomentberg von 800 Nm ab 1500/min ist der Wraith der kräftigste Rolls-Royce aller Zeiten, mit rund 4,6 s von 0 auf 100 km/h auch der sprintstärkste.
    Kleiner Seitenblick zur Konkurrenz: Während das mit 625 PS minimal schwächere neue Coupé von Bentley, der Continental GT Speed, mit einem Topspeed von 330 km/h lockt, signalisiert Rolls Sozialverträglichkeit durch die (elektronische) Beschränkung auf 250 km/h.
    Die mehr als ausreichenden Kraftreserven schöpft der Wraith aus einem 6,6-L-V12 mit Doppelturbo und Direkteinspritzung, mit einer 8-Stufen-Automatik von ZF an die Hinterräder übertragen.

    BEINAHE BULLIG
    Doch genug der technischen Profanitäten, ein Rolls-Royce stellt schliesslich den Anspruch, ein technisch-ästhetisches Gesamtkunstwerk darzustellen. Die Formgebung beschreibt Rolls-Royce selbst als Zwischending von «sportlichem Gran Turismo und einem wahren Rolls-Royce». Kraftvoll-dynamisch und doch zurückhaltend-gediegen.
    Die Seitenansicht wird geprägt durch die schnörkellos-geradlinige Gürtellinie des Zweitürers und das sich früh zum Fliessheck absenkende Dach. Die Zweitonlackierung betont den Eindruck einer aufgesetzten Passagierkabine. Während von der Seite die Eleganz dominiert, wirkt die Heckpartie kräftig und voluminös – wäre es nicht ein Rolls, man würde gar das Wort bullig ins Feld führen. Die Front wird vom – im Vergleich zum Ghost – stärker versenkten Kühlergrill dominiert.

    GLÜHENDE ZEIGER
    Ein gediegenes Interieur mit dem Qualitätsanspruch von Designermöbeln gehört zum Selbstverständnis der Nobelmarke. Dies erfüllt der Wraith unter anderem mit einer neu entwickelten Holzapplikation für Tür- und Fussraumverkleidung – wahlweise kann dafür auch feinstes Leder eingesetzt werden. Die Armaturen kennen Ghost-Fahrer bereits, nicht aber Details wie orange glühende Zeigerenden in Tacho und «Kraftreserven-Anzeige». Letzteres gibts tatsächlich: Der Hinweis, wie viel Motorenpower man gerade nicht nutzt, ist so etwas wie die Antithese zu den «Öko»-Anzeigen anderer Autos.
    Der neue Rolls glänzt ebenso durch den Einsatz modernster Technik. Erstmals nutzt ein Serienhersteller die Satelliten-Navigation, um die Fahreigenschaften zu optimieren. Weil der «Wraith» weiss, wo er sich befindet, weiss er was kommt, und stellt Gangwahl, Dämpfereinstellungen und Lenkung entsprechend ein. «Wenn der Fahrer vor einer Haarnadelkurve vom Gas geht», verdeutlicht Product Manager Philip Harnett, «weiss das System, dass man nicht cruisen will und bleibt in einem kleinen Gang».

    GEHORCHT AUFS WORT
    Auch bei der Bedienung des neuen Rolls-Royce kommt moderne Elektronik zum Zug. Natürlich ist die Verbindung zu iPod und iPad gegeben. Ausserdem verfügt der «Wraith» über eine fahrzeugeigene Sprachsteuerung, mit der man die Navigation bedienen oder SMS «verfassen» kann, ohne die Hände vom Lenkrad zu nehmen. Der Sicherheit dienen diverse Assistenzsysteme. So werden des Nachts Warnungen auf Basis von Infrarotsensoren ins Head-up-Display projiziert.
    «Wraith» bezeichnet im Englischen einen Geist, von dem man nicht weiss, ober er stets Gutes im Schilde führt. Die Briten mögens eben geheimnisvoll. Kein Geheimnis ist hingegen, dass der Kontostand «ausreichend» hoch sein muss – auch wenn die genauen Preise erst in Genf zu erfahren sein werden.

    Daniel Riesen

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